Hamburg Marathon – Sterben für die Mannschaft

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Vor dem Start: Robert Ruff, Lars Siegmund, Carsten Stegner // Foto: Norbert Wilhelmi

  • Hamburg Marathon
  • 22.05.2011
  • 42,195 km, Zehntel-Marathon, „Familienläufe“
  • Rundkurs, keine scharfen Kurven, ohne nennenswerte Steigungen, wahnsinns Stimmung

Mein Highlight der Frühjahrssaison sollte der Hamburg Marathon sein, in dessen Rahmen die Deutsche Meisterschaft sowie die Deutsche Polizeimeisterschaft (DPM) stattfand. Bei letzterer galt es für mich, mindestens die Bronzemedaille von 2009 zu verteidigen. Der vor zwei Wochen absolvierte Prag Marathon sollte dem Vorhaben nicht entgegenstehen, kam ich doch dort nach einem überlegtem Rennverlauf locker heraus.

Nach einer schier endlosen Busfahrt kam die bayerische Mannschaft am Freitag Abend im Hotel Panorama Inn an, in welchem sämtliche Teilnehmer der DPM untergebracht waren. Viele altbekannte Gesichter traten uns gegenüber und schon gleich begann das Beäugen, mit welchen Favoriten die einzelnen Länder an den Start gehen werden. Mit Thomas Bartholome aus Niedersachsen stand ein, wenn nicht DER Goldanwärter, schon fest. Bei der Mannschaftsführerbesprechung zeigte sich, dass es neben ihm noch eine ganze Menge anderer Athleten gab, die sich eine Zeit zw. 2:31 und 2:36 Stunden vornahmen. Aus Thüringen war überraschend Marcel Bräutigam gemeldet, der deutliche Ambitionen für eine Zeit unter 2:30 Std hatte. Es würde für mich schwer werden, aber eine Medaille sollte dennoch zu schaffen sein. Dass es am Ende jedoch so schwer werden würde und dies mit einen ganz anderen Ausgang, konnte ich nicht ahnen…

Der Samstag galt der allgemeinen Erholung. Nach einem lockeren Lauf am Morgen holten wir unsere Startunterlagen bei der Marathonmesse auf dem Heiliggeistfeld ab. Später kehrte ich nochmal dorthin zurück um bei einem Treffen der ASICS-Frontrunner, selbige Aktion gemeinsam mit anderen Frontrunnern der Öffentlichkeit zu präsentieren. Am Abend fand schließlich in einer kurzen Zeremonie die Eröffnung der DPM statt. Im Anschluss widmeten wir uns der ausgiebigen Füllung der Kohlenhydratspeicher.

Hamburg Marathon, 22.05.11

Schon um 6:45 Uhr fuhren die Teilnehmer der DPM mit Bussen direkt in den Start-, Zielbereich am Heilggeistfeld. Bei ca. 20.000 Teilnehmern hatten wir mit unserem „Basislager“ in einer Polizeiinspektion direkt neben dem Ziel einen großen Vorteil. Ohne Stress konnten wir uns auf die bevorstehenden 42,2 km vorbereiten und traten gegen 8:50 Uhr in den ersten Startblock unmittelbar hinter der Elite ein.

Vor dem Start: Robert Ruff, Lars Siegmund, Carsten Stegner // Foto: Norbert Wilhelmi (c) www.wilhelmi-fotograf.de

Unbeschreiblich war das Gefühl, als ich da in erster Reihe auf die vor mir liegende, von tausenden Zuschauern gesäumte Reeperbahn blickte. 20.000 Marathonis im Rücken, 42.195 zu absolvierende Meter vor mir, eine mehr als nur knisternde Atmosphäre und die a-cappella-Version der deutschen Hymne sorgte für eine Gänsehaut am gesamten Körper.

9:00 Uhr, Start. Statt eines Startschusses erklang, wegen des Schusswaffenverbots in St. Pauli, die „Startglocke“.

Durch das Meer von tobenden Zuschauern lief ich den ersten Kilometer minimal schneller als vorgenommen in 3:33 min. Mein Vorhaben war, im Schnitt von 3:36 min/km die erste Hälfte zu bewältigen (um 1:16 Std), so hätte ich „genügend Puffer“ auf der zweiten Hälfte, um das Rennen noch in 2:33 – 2:34 Std abschließen zu können. Da bereits zum Start die Sonne schon reichlich Wärme spendete, rechnete ich damit noch die ein oder andere Sekunde auf die Pace draufschlagen zu müssen. Bereits ab dem zweiten Kilometer lief ich kontinuierlich nur in 3:40 – 41 min/km gemeinsam mit meinem Teamkollegen Robert Ruff in einer Gruppe. Nach 5 km in 18:21 min, statt 18:00 min, verließ ich die Gruppe, ohne jedoch merklich schneller zu werden und schloss mich, weiterhin gemeinsam mit Robert, vor uns laufenden Athleten an. Die nächste 5 km waren mit 18:13 min nur marginal schneller. Ich merkte allerdings, dass ich nicht richtig ins Rennen gefunden hatte. Nach gerade mal einem Viertel der Distanz fiel es mir schon relativ schwer, das nicht mal besonders hohe Tempo zu halten. Dennoch blieb ich einigermaßen im Schnitt und lief, mit einigen Marathonis im Schlepptau, entlang der Zuschauermassen an den Landungsbrücken dem Abschluss des ersten Drittels entgegen. Bei km 14, konnte man zum ersten Mal seinen Schritt und das Atmen wahrnehmen. Denn über wenige 100 Meter waren wir in einem Tunnel von den unglaublich vielen Zuschauern getrennt. Dunkelheit, Stille… Ein Licht am Ende des Tunnels – jedoch nicht was meine Verfassung angeht. Wir treten wieder in die pralle Sonne, wie angenehm war die Kühle unter Tage, wie motivierend ist der Applaus der Zuschauer. Km 15: 5-km-Split in 18:25 min. Zwar weiterhin langsamer als geplant, aber damit könnte ich leben. Das Problem war, dass ich bereits spürte, selbst dieses Tempo nicht auf Dauer halten zu können. Die Temperatur ist inzwischen deutlich über 20 Grad und wo es geht, versuchte ich den Schatten zu nutzen. Weiterhin führte ich eine Gruppe mit ca. 5-7 Läufern an und wir nähern uns der Halbmarathonmarke. Km 20, wieder ein Split um 18:30 min. Nun zeigte sich aber schon deutlich, dass ich mein Tempo reduzieren müsste. Ich fiel etwas zurück und gab Robert Bescheid, dass er unbedingt in der Gruppe bleiben solle, ich könne das Tempo nicht mehr halten. Halbmarathon, 1:17:35 Std. Unglaublich wie übel man sich schon bei dieser Zeit fühlen kann – noch übler: die selbe Distanz liegt noch vor mir und eine wundersame Verbesserung meines Zustands ist nicht in Sicht. Nur für kurze Zeit, als ein weiterer Athlet aus der nun schon über 100 Meter vor mir liegenden Gruppe herausfällt, kann ich nochmal ein paar Kräfte mobilisieren und das Tempo nochmal leicht erhöhen. Ich hole den Mitstreiter und einen weiteren Läufer ein, aber das war’s. Schon bei km 24 steht der Hammermann und trifft mich mit unglaublicher Härte. 5-km-Split nur noch in 19:02 min – und ab jetzt rasch steigend… Alle 2,5 km habe ich Gebrauch von den Wasserstationen gemacht. Doch meinen Flüssigkeitsverlust konnte dies nicht ausgleichen, zumal man nur einen kleinen Schluck aufnehmen kann. Bei km 27,5 steht zum Glück Thomas Langer, der seinen Titel wegen einer langwierigen Verletzung nicht verteidigen kann, und reicht mir eine Flasche. Die 300 ml „Ultra-Sports Buffer“ sauge ich auf wie ein Schwamm. Ein paar aufmunternde Worte noch von Thomas, aber als erfahrener Marathonläufer, weiß er, dass die Hölle vor mir liegt. Km 30, mein Schritt ist unrund und verdammt kurz. Mir Schmerzen die Beine, mein Bauch. Die Arme kann ich kaum noch oben halten. Mein Split, 19:31 min, warum ich eigentlich noch darauf schaue, weiß ich nicht. Einen Kilometer später überholt mich Markus Spägele, der nun zweiter der bayerischen Mannschaft ist. Auch er versucht mich noch ein wenig aufzumuntern, doch schon wenige Sekunden später, scheint das Rennen endgültig für mich gelaufen zu sein. In einer Kurve säbelt mir ein Läufer aus der Gruppe um Markus regelrecht mein linkes Bein weg. Ich habe keine Chance einen Sturz zu vermeiden und schlage auf dem Asphalt auf. Das Foul bleibt ungesühnt, der Attentäter läuft ohne ein Wort der Entschuldigung weiter. Ich möchte sofort wieder aufstehen, doch mein komplettes System versagt. Krämpfe in jedem Muskel meiner vier Extremitäten sorgen dafür, dass ich wie ein Käfer auf dem Rücken am Boden liege. Sofort kommen Zuschauer und sagen, dass sie „Sanis“ verständigen. Stöhnend vor Schmerzen bitte ich sie nur, mir wieder auf die Beine zu helfen. Sie heben mich hoch und wie in Trance laufe ich weiter. Noch elf Kilometer. Ich bete, dass Uwe Reincke, der vierte Mann unserer Mannschaft endlich auflaufen würde. Drei Athleten werden für die Mannschaftswertung benötigt und ich könnte aussteigen oder zumindest im Schleichtempo das Rennen beenden. Doch auch ihm scheint es nicht gut zu gehen, sonst hätte er mich längst überholt. Also muss ich nun durch – „sterben für die Mannschaft“.

Wasser bei 32,5 km. Gerne würde ich einfach mal anhalten und richtig trinken, aber die Angst vor einem weiteren „Krampanfall“ treibt mich weiter. Ein kleiner Schluck aus dem Becher, den nächsten Becher über den Kopf, das selbe Prozedere wie die letzten zwölf Male.

Nach weiteren 21:08 min erreiche ich km 35. Mein Schnitt ist also mittlerweile ca. 4:15 min/km, einem Trainingstempo. Egal, ich muss da einfach durch. Noch sieben Kilometer.

Knut und Lothar, „unsere treu sorgenden Betreuer“ sorgen auf den kommenden Kilometern noch für aufbauende Worte und Kraftstoff in Form von Cola. In 32 Minuten bringe ich irgendwie die letzten sieben Kilometer noch hinter mich. Wirklich registriert habe ich nichts mehr, außer die vielen Zuschauer die doch tatsächlich die kompletten 42 Kilometer flankiert haben.

Nach 2:45 Stunden verlassen mich nach dem Überschreiten der Ziellinie endgültig meine Kräfte. Von Krämpfen in allen etwa 650 Muskeln des menschlichen Körpers geplagt breche ich zusammen und werde von den Sanis versorgt. Nach und nach, insbesondere nach reichlich „Ultra Refresher“, lassen die Krämpfe nach. Die Meldung dass sich mein Überlebenskampf und vor allem die tolle Leistung von Robert (2:38 Std) und Markus (2:39 Std) ausgezahlt haben, ließ mich einen Teil der Qualen wieder vergessen. Mit der Mannschaft wurde ich deutscher Polizeimeister im Marathon und konnte so zumindest einen Teil des Erfolges von 2009 wiederholen.

Mit Platz 9 in der Einzelwertung und vor allem der Zeit um 2:45 Std. habe ich jedoch mein persönliches Ziel deutlich verpasst.

Ganz besonders habe ich mich über die vielen Kommentare per Mail und Facebook gefreut, die meine Leistung würdigten und mir gratulierten. Das sind echte Sportler und gute Freunde! Vielen Dank dafür!!!

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

27 Comments

  1. rainer sagt:

    Hi carsten,

    kopf hoch. Respekt fuer dein durchbeissen und gute erholung.
    ich bin hier gerade in suedtirol, habe dien tollsten berge vor mir und kann nix machen, weil ich wieder mal eunen scheiss infekt habe. Wirn sehn uns dann in 5 wochen ja mal wieder. Gruss rainer

  2. Uschi G. sagt:

    Lieber Carsten,

    nur gut, dass du nicht mein Sohn bist.
    Nachdem ich deinen Bericht gelesen habe, hätte ich dir sonst sicherlich eine Standpauke gehalten!
    Aber du bist ja schon gross, und weisst hoffentlich, was und wieviel noch gesund für dich ist 😉
    Aber trotzdem natürlich meine Hochachtung! Herzlichen Glückwunsch!

    LG, Uschi

  3. John sagt:

    Hi Carsten,
    wenn „Du mein Sohn wärst“, wäre Dir das (wahrscheinlich) nicht passiert. Aufgrund der durch Verletzungspausen (mehrere Infekte, massive ISG-Probleme und kein harter langer Trainingswettkampf zur unmittelbaren Vorbereitung) recht dünnen Grundlage des Frühjahr-Trainings (siehe Dein Trainingsblog) vor den beiden Marathons und des (nicht gespürten) Substanzverlusts von Prag hätten die Rennstrategie und Einstellung bei solch einem Hitzerennen anders sein müssen. Dann kommt auch noch Pech dazu. (Wenn es sowieso nicht so recht passt, tritt Einer Dich auch noch um!) Die ganze Muskulatur, ja der ganze Kerl war überfordert und muss erst mal wieder richtig Substanz aufbauen vor den nächsten Wettkämpfen! Ich meine es nicht böse und will nicht altklug sein, aber so ein wenig habe ich das kommen sehen. Bitte lerne daraus, suche künftig Feedback und födere Dein Talent umsichtiger, anstatt es zu quälen. Erhole Dich gut und schöpfe wieder Mut!
    HG, John

  4. […] doch nur Sport!!! Aber durchaus musste ich im Vorfeld hin und wieder daran denken, dass ich bereits sechs Jahre zuvor beim Hamburg Marathon am Start stand. Auch damals war in diesem Rahmen die Deutsche Polizeimeisterschaft im Marathonlauf […]

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