Hamburg Marathon
28. April 2017
Show all

Irgendwann musst du nach Biel“, wahrscheinlich beginnen die meisten Erlebniserzählungen über die Teilnahme am 100 km Lauf in Biel mit diesen Worten. Sie stammen von Werner Sonntag, welcher 1972 zum ersten Mal die große Runde durch das Seeland unter seine Füße nahm. Mit 81 Jahren war er 2007 nach bereits 30 Teilnahmen der älteste Finisher. Auch bei der diesjährigen, der 59. (!!!) Ausgabe war wieder ein Urgestein am Start. Helmut Urbach (erster Läufer weltweit unter 7 Stunden auf 100 km u.v.m) machte sich, 50 Jahre nachdem er als erster Ausländer Biel gewinnen konnte, auch wieder auf den Weg. Leider musste er bei seiner 39. Teilnahme wegen einer Verletzung vorzeitig das Rennen beenden.

Mit diesem Schicksal ist Helmut leider nicht alleine. Trotz des vermutlich längstem Zielschluss – erst nach 21 Stunden wird das Ziel am Kongresshaus geschlossen – kam es auch in diesem Jahr wieder zu einigen „DNF´s“ in allen Leistungsklassen. Ein 100-km-Lauf ist eben kein Zuckerschlecken – und der Bieler 100er erst recht nicht, wie ich am eigenen Leibe spüren sollte. Mit seiner Startzeit um 22 Uhr und den, wenn auch nicht langen, aber für einen Straßenlauf durchaus giftigen, Anstiegen, sowie dem „Ho-Chi-Minh-Pfad“ genannten Trailabschnitt über dem Emmendamm weist Biel seine eigenen Gesetze auf.

Die Schweiz dominiert

Mit diesen Gesetzen kommen die Eidgenossen ganz offensichtlich am allerbesten selbst zurecht. Auch in diesem Jahr behielt mit Rolf Thallinger, sogar ein Lokalmatador, die Oberhand vor seinem Landsmann, Fabian Downs. Die traditionell stärkste ausländische Teilnehmernation, Deutschland, konnte seit dem Sieg von Michael Sommer 1994 (6:56:26 Std.!!!) auf dem Siegertreppchen nicht mehr ganz oben stehen.

Trotz hoher Startnummer wurde ich relativ kurzfristig noch als Mitfavorit für die 2017er Ausgabe auserkoren. Nach der Absage von Florian Vieux und Karsten Fischer, welche im Vorjahr bis kurz vorm Ziel um das oberste Stockerl kämpften, sollte der Ausgang des Rennens, laut Presse, so offen wie nie sein. …ist er das bei 100 km nicht immer???

Als Favorit jedenfalls, sah ich mich persönlich nicht. Respektlos gegenüber den Gegnern bezeichne ich es, wenn man sich als Siegeskandidat sieht. Nichtsdestotrotz hielt ich es für möglich eine Zeit um 7:20 Std laufen zu können. Wenn dies am Ende ausreicht um eine vordere Platzierung zu erreichen ist das perfekt, wenn nicht, hat man zumindest sein eigenes Ziel erreicht. Insofern bin ich, auch einige Tage nach meinem Finish als Gesamt Dritter, noch nicht ganz sicher wie ich meine Leistung einschätzen soll. Ein Dritter Platz in Biel ist zweifelsohne ein grandioser Erfolg, aber mit einer Endzeit von 7:41 Std habe ich mein persönliches Ziel klar verfehlt. Dennoch freue ich mich über die „Bronzemedaille“ und vor allem für Rolf Thallinger, der nach zwölf Teilnahmen und vielen Topplatzierungen nun endlich die oberste Stufe des Treppchens besteigen durfte!

Ungewöhnliche Vorbereitung

„Mein Biel“ begann bereits drei Wochen vorher, als ich, um mich mit der Strecke vertraut zu machen, für 24 Stunden schon mal in die Uhrenstadt in der Westschweiz fuhr und die 100 km abradelte. Hierfür suchte ich mir den wohl denkbar ungünstigsten Tag aus. Tageshöchsttemperatur 9°C, Starkregen und Sturmböen vermiesten mir die Ausfahrt. Mit frieren und fluchen beschäftigt, behielt ich nur einen Teil der Strecke im Kopf, dennoch war der Einblick Gold, respektive Bronze wert. 😉 Trotz Studiums von gps-Daten verschiedener Portale konnte ich mir nicht so wirklich vorstellen, was mich auf dieser Traditionsstrecke erwartet. Nach dem Kurzbesuch wusste ich zumindest, dass die Berge meist kurz und knackig sind, es dennoch einige Passagen gibt in welchen man eine kontrollierte Pace laufen kann und, dass mit Ausnahme des Emmendamms (welchen ich jedoch falsch befuhr), überwiegend gut belaufbarer Untergrund herrscht.

Um meinen Körper an die Belastung in der Nacht zu gewöhnen, unternahm ich zwei Nachtläufe (meiner Meinung nach zu wenig und mit 50 und 40 km definitiv zu kurz) und machte einige Nachtschichten (der wohl größte Fehler!). Anstatt meinen Biorhythmus mit einem längeren Block vor Biel umzustellen, brachte ich ihn mit den unterschiedlichen Dienstzeiten über einen Monat hinweg völlig durcheinander. Ich glaube, dass ich noch nie so ermattet an den Start eines wichtigen Rennen gegangen bin. Aus Fehlern lernt man und hier habe ich schon einige entdeckt.

Auch deswegen musst Du in Biel gewesen sein

Die Lauftage von Biel bleiben mir aber auf jeden Fall in guter Erinnerung. Bei meiner Ankunft sah ich Biel von seiner schönen Seite. Eine tolle Innenstadt, mondäne Bauten und eine pittoreske Landschaft um den Bieler See – und Sonnenschein! Ich weiß nicht ob es den vielen Veranstaltungen um den Lauf lag, aber das Leben in der Stadt scheint auf der Straße stattzufinden. Die zahlreichen Bars und Restaurants waren stets gut gefüllt und die Stimmung war herrlich. Gerne hätte ich mich dieser Feierlaune einfach hingegeben, welche sicherlich auch der bunten Mischung der Bewohner geschuldet ist. Neben den Deutschschweizern und französischen Schweizern, welche sich in der Anzahl nichts geben, herrscht auch ein großes internationales Publikum. Meine steigende Nervosität ließ mich das Ganze jedoch aus einer gewissen Ferne betrachten.

 

 

 

7:20 Std + X durch die Nacht

Eine weitere Besonderheit des Hunderters in Biel ist die Möglichkeit, sich von einem Radfahrer begleiten zu lassen. Auf die Möglichkeit griff ich gerne zurück, zumal mir mein mittlerweile „treuherziger Betreuer“ Günter anbot, mir beim Lauf durch die Nacht Gesellschaft zu leisten.

Bereit zum Start

Nach dem Startschuss, welcher nach Schweizer Pünktlichkeit exakt um 22 Uhr erfolgte, machte sich der Tross aus mehr als tausend Läuferinnen und Läufern zunächst auf eine kleine Runde durch die Innenstadt bevor wir an den Zuschauermassen rund um das Kongresszentrum wieder vorbeikamen und die Stadt in Richtung Süden verließen. Nach der Überquerung der Aare hatte sich das Feld, zumindest im vorderen Bereich, schon einigermaßen geordnet. Fabian Downs lief bei seinem ersten Hunderter von Anfang an ein beherztes Tempo und kam seiner Favoritenrolle als „Sub-3-Läufer“ über 50 km nach. Ich versuchte mein ganz eigenes Rennen zu machen. Durch die gleichzeitig gestarteten 56-km-Ultramarathonläufer herrschte, zumindest für mich, völlige Unklarheit über die Platzierung (obwohl sie eine spezielle Starnummer am Rücken trugen), was nach gerade mal fünf Kilometer auch völlig uninteressant ist. Nach der Überquerung des Flusses folgte auch der erste von (eigentlich) vier markanten Bergen. Hier unterhielt ich mich ein bisschen mit Rolf, dem späteren Sieger, setzte mich dann am ersten Bergabstück ein wenig von der Gruppe ab und lief ab diesem Zeitpunkt mehr oder weniger alleine. Lediglich ein 56-km-Läufer war manchmal in meiner Höhe, manchmal aber auch deutlich vor oder hinter mir.

Ich freute mich schon auf das Durchlaufen des ersten großen Stimmungsnestes Aarberg. Diese Freude war auch berechtigt. Nach ca. 17 km, also schon etwas nach 23 Uhr, war hier gefühlt die ganze Stadt auf den Beinen. Großartig! Nach ungefähr 22 km in Lyss warteten schließlich die Radfahrer auf uns. Auch in dieser Stadt war eine einmalige Stimmung. Nur kurz dachte ich drei Wochen zurück, als ich hier meine Radfahrt abbrechen wollte und weder Hände noch Füße vor Kälte bewegen konnte. Diesmal ging es mir ganz anders. Es ging auf Mitternacht zu und es herrschte noch immer eine drückende Temperatur. Meine Softflask mit einem halben Liter Wasser hatte ich bereits aufgebraucht und trotzdem einen unbändigen Durst. Einen solchen Wettkampf mit einer Radbegleitung durchführen zu können, hat einige Vorteile. Natürlich zunächst den, sich jederzeit mit Getränken und Gels verpflegen zu können doch vor allem auch um ein wenig Unterhaltung zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war es mir erstmal besonders wichtig, Flüssigkeitsnachschub zu bekommen. Die Strecke bietet allerdings auch ohne Radbegleitung zahlreiche und in jeden Fall ausreichende Verpflegungsstationen an. Die Möglichkeit sich jederzeit seine Verpflegung reichen lassen zu können ist jedoch echt Luxus. Dies muss allerdings auch gut abgesprochen und geplant sein. Denn während bei anderen Rennen regelmäßig nach wenigen Kilometern die Verpflegung gereicht wird wenn man vorbei kommt, muss man sich hier immer wieder daran erinnern, rechtzeitig zu verpflegen. Oft vergeht viel zu schnell die Zeit und man gerät plötzlich in ein Defizit. Obwohl ich glaube genügend aufgenommen zu haben, verließ mich jedoch das Gefühl unterversorgt zu sein nie mehr.

Von den uns begleitenden Kampfrichtern erfuhren wir alle 5 Kilometer den Rückstand und ungefähren Vorsprung. Nachdem Matthias Klotz bereits bei km 30 das Rennen aufgeben musste, lief ich seit dem auf Rang zwei, hatte jedoch bei km 40 schon 11 Minuten Rückstand auf Fabian. Da ich ein sehr gleichmäßiges Rennen auf Zielzeit 7:20 Std. lief, war er also deutlich auf Kurs sub 7! Exakt nach Fahrplan durchlief ich kurz nach 2 Uhr die nächst größere Stadt, Kirchberg. Mittlerweile hat Rolf wieder aufgeschlossen und heftete sich an meine Fersen. Trotz fortgeschrittener Stunde ließen sich auch die Kirchberger nicht lumpen und feuerten lautstark die Läufer an, bzw. begrüßten die 56 km Ultraläufer im Ziel. Diese sparten sich den Ho-Chi-Minh-Pfad der nun auf uns wartete. Die Fahrradbegleitung musste zu diesem Zeitpunkt schon die Laufstrecke verlassen und wartete gut 10 km weiter in Biberist wieder auf die Läufer. Schon nach wenigen Metern im unwegsamen Gelände des Trails lief Rolf leichtfüßig an mir vorbei. Mein Erstaunen über seine Leichtfüßigkeit war im Nachhinein einfach zu erklären. Er wohnt genau hier und kennt wohl jeden Stein auf diesem grasbewachsenen Deich. An der Labstation zur Mitte des Trails musste ich mir schließlich einige Sekunden Zeit gönnen und mich nochmal ordentlich versorgen. Rolf verlor ich hierbei völlig aus den Augen und war nun wieder alleine in der Dunkelheit unterwegs.

Heilfroh war ich, als ich Günter nach zwei Drittel der Strecke wieder sah. Meine Beine waren mittlerweile sehr schwer und ich wusste, dass mich nun ein schweres Stück Arbeit erwartet. Nach Auswertung der Ergebnisse der Vorjahre, wusste ich, dass ich mir auf dem Teilstück von Kirchberg bis Bibern ziemlich viel Zeit lassen kann. Eine Pace von 4:36 min/km ist hier ausreichend um gegen 5:20 Uhr ins Ziel zu kommen. Vorausgesetzt, man kann auf dem letzten Teilstück noch etwas Gas geben. Bis kurz vor Bibern konnte ich den geplanten Schnitt gerade noch so halten, doch dann kam aufgrund einer Streckenänderung noch ein weiterer Anstieg dazu. Der brach mir das Genick! Beine aber leider vor allem der Kopf waren so gar nicht einverstanden mit dieser Einlage. Hier merkte ich nun auch erstmals, dass das Bergablaufen auch keinen Spaß mehr macht. Immerhin war der Rückstand auf Fabian nur noch drei Minuten. Dieser war nun der Zweitplatzierte und Rolf lief bereits seinen verdienten Sieg entgegen. Für mich war aber nur noch Ziel in selbigen anzukommen, bzw. meine dritten Platz nach hinten abzusichern. Der letzte Anstieg nach Bibern war ganz ok, aber die folgende Bergabpassage war der langsamste Abschnitt meines gesamten Rennens. Bauchkrämpfe zwangen mich immer wieder zu Geh- und Stehpausen. Was dann folgte war der 20 km lange und endlos wirkende Teil an der Aare bis nach Biel.

Unter 5 min/km statt der anvisierten 4:23 min/km, Ankunft vor 5:45 Uhr statt um 5:20 Uhr lautete nun das angepasste Ziel. Günter versuchte mich mit Gesprächen zu motivieren, mich daran zu beteiligen scheiterte jedoch meistens und auch der Blick für die schönen Flussauen verschwamm etwas. Um 5:40 Uhr bog ich schließlich als Gesamt Dritter in die Zentralstraße ab und erreichte nach 7:41:23 Std. das Ziel bei der 59. Auflage der Bieler Lauftage.

Kein Grund zum Grämen aber auch nicht um in Jubel auszubrechen. Was sich breit macht ist ein gutes Gefühl der Zufriedenheit und die Erinnerung an eine wunderschöne Veranstaltung! Vielen Dank den „Daumendrückern“, Gratulanten und natürlich an Günter für die unermüdliche Radbegleitung, Betreuung und Unterhaltung!

Bilder folgen!!!!

Einen schönen Bericht von Laufreport findest du hier. Danke Constanze und Walter Wagner!!!

Carsten Stegner
Carsten Stegner
Als passionierter Läufer berichte ich in diesem Blog von meinem Training, meinen Wettkämpfen und gebe meine Erfahrungen bezüglich dem von mir genutztem Equipment weiter. Mehr zu meiner Person und zum Thema Laufen gibt´s auf www.pure-run.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.